Geschichte

Zum ersten Mal wird Uttwil erwähnt in der Kaiserurkunde vom 4. Juni 817, zusammen mit Kesswil, Landschlacht, Zihlschlacht und Hefenhofen. Später im Jahre 840 erscheint der Name villa Uttinvillare (Weiler des Utto). Damals wurde ein Bergfried erstellt, um dem Landvolk vor den plündernden ungarischen Reiterhorden Schutz und Schirm zu bieten; die Schilderung jener bewegten Jahrzehnte in unserem Gebiet durch den Zeitgenossen Ekkehart, den ersten der bedeutenden St. Galler Mönche dieses Namens, in seinem Waltharilied ist durch Scheffels darauf aufgebauten Roman «Ekkehard» weiten Leserkreisen bekannt und mag die trockene Erwähnung des Bergfrieds beleben.

Nachmals liess sich in dem Dorf ein ritterliches Geschlecht nieder, das sich «von Uttwil» nannte; den alten Bergfried bauten diese Edlen von Uttwil gegen 1200 zu einem Wachtturm mit breiten Mauern neben ihrem Burgstall um. Sie waren Ministerialen – so benennt man den «Dienstmannenadel» im Gegensatz zum echten, dem sogenannten Dynastenadel – des Bischofs von Konstanz und des Abtes von St. Gallen. 1276 kommt in Urkunden ein Ulrich, zwanzig Jahre später ein Heinrich von Uttwil vor; ihre Nachkommen, die in Konstanz und St. Gallen verbürgert waren, dürften ihren hiesigen Wohnsitz aufgegeben haben; denn im 13.Jahrhundert hatte das Stift Münsterlingen neben Höfen und Zehnten gewisse Vogteirechte in Uttwil an sich gebracht, und 1413 gelang dem Stifte gar der Erwerb der beiden Vogteien mit der niederen Gerichtsbarkeit über Uttwil. Bis zur Umwälzung von 1798 erschien das weibliche Klosterhaupt jedes Jahr zur Entgegennahme der Huldigung sämtlicher Dorfinsassen.
Im Jahre 1542 waren in Uttwil folgende Geschlechter ansässig, von denen es manche heute noch sind: Spahn, Stöckli, Fischer, Uhler, Lengwiler, Keller, Eggmann, Bär, Schaffner, Nägeli, Schenderli, Brissing, Gebinger, Annasohn, Buchhorner, Oprecht, Imhof, Scherzinger, Diethelm, Boner, Kressibucher, Schwegler, Hausammann, Müller, Schlachinhaufen, Tübuchim, von Engen, Hulder.1562 erscheinen neben diesen Namen die weiteren: Ackermann, Merstedter, Spengler, Schwank, Züllig, Schaffert, Pfyffer, Schweizer, Bubli, Wyss, Kreis, Witzig, Baur und Payerna.

Der «Uttwiler Handel»

Der in der Schweizergeschichte mit dem Namen «Uttwiler Handel» benannte, der die Tagsatzungen über ein halbes Jahrhundert lang beschäftigt hat. Kurz gefasst: Auf das Einstehen ihres bei starker Tatkraft besonnenen Pfarrer Hs. Hch. Brennwald hin gestattete der von seiner Standesregierung gedeckte Zürcher Landvogt Füssli den Uttwilern im Jahre 1644, die efeuumrankte Ruine der längst altar- und bilderlosen St. Adelheidskapelle niederzureissen, um die dicht vor ihr stehende, zu eng gewordene Kirche nach Westen erweitern zu können. Obwohl sich das Stift seit vier Menschenaltern nie mehr um die einstige Wallfahrtsstätte gekümmert hatte, entdeckte die Äbtissin plötzlich einen glühenden Herzenshang für das morsche Gemäuer und suchte Stütze bei den katholischen Orten. Ungesäumt nahmen sich diese der Sache an und verboten die Weiterführung der bereits fortgeschrittenen Bauarbeiten. Die Uttwiler hatten mit Berufung auf den Landvogt für den Befehl taube Ohren und brachten den Kirchenbau in unwahrscheinlich kurzer Zeit unter Dach. In der Folge verknurrten die fünf Orte das Dorf zu einer Geldstrafe von tausend Gulden, überdies zum Ersatz ihrer sich auf einen noch höheren Betrag angelaufenen sämtlichen Umtriebe in der Sache.

Da das ganze Kirchengut und andere verfügbare Gemeindemittel kaum für die Hälfte hinreichten, schenkte Zürich, das ohnehin jährlich einen Beitrag an den spärlichen Gehalt des Pfarrers leistete, der Gemeinde, als das Urteil späterhin wirklich vollstreckt wurde, daran zwölfhundert Gulden. Da Zürich sich anschickte, für die Uttwiler «unschuldigen Martyrer» das Schwert zu ziehen und das mächtige Bern den bei ihm vorstelligen Boten der fünf Orte erklärte, wer den Landfrieden störe, habe es mit ihm zu tun, konnte ein Bürgerkrieg durch Vermittlung der unparteiischen Orte 1651 in letzter Stunde vermieden werden. Doch war damit der «Uttwiler Handel» noch bei weitem nicht beigelegt. Die Äbtissin begehrte mit Billigung der fünf Orte, auf dem Kirchhof eine neue Kapelle zu bauen. Wiederum jahrzehntelange Verhandlungen. Erst 1696 konnte der Ortspfarrer Hottinger in einem Bericht feststellen, das Vorhaben sei «durch die viele Mühe und Sorge meiner gnädigen Herren zu Zürich» endgültig zunichte geworden.

Uttwil als Handelsplatz

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Uttwil durch den Unternehmungsgeist der Hugenottenabstämmlinge Dölli auf Kosten von Konstanz und Rorschach zum Hauptumschlagsplatz für Korn und Salz aus Deutschland. Ihre Schiffe brachten die Waren über den See, vier- bis sechsspännig wurden diese durch ihre Fuhrwerke bis Zürich, Bern und Genf befördert. Zu Reichtum gelangt, erbauten sie an der Ausmündung des Dorfbaches stattliche Häuser: Nach 1817 die einstweilen noch durch den um die letzte Jahrhundertwende beliebten braunen Besenwurf um einen Teil der Wirkung ihrer prächtigen Ebenmasse gebrachte Seeburg, mit schönen schmiedeisernen Ziergittern im Directoirestil über der vorderen und hinteren Eingangstür; darauf das heute «Margrit» genannte Haus, in dessen grossem, im zweiten Stockwerk gelegenen Saal zwei prächtige geschnitzte nussbaumene Flügeltüren in frühem Biedermeierstil und die stattliche steinerne Spätbarockbekrönung eines rundbogigen, heute zugemauerten Eckeingangs von einstigem patrizischem Wohnstand zeugen. Ferner den nun ein Speiserestaurant beherbergende «Frohsinn» an der Romanshornerstrasse. Das Lagerhaus für Salz befand sich an der Stelle des heutigen «Bad Uttwil». Ein weiteres auf einer kleinen Halbinsel stehendes, vorübergehend für Lagerzwecke benütztes Gebäude mit flachem, von einem wuchtigen Barockturm beherrschten Dache – vermutlich steht wegen dieses Turmes noch heute die Liegenschaft als «Schloss Uttwil» im Grundbuch - gestalteten die Dölli 1822 im damaligen französischen Geschmack zum freundlichen Landhause um.
Es hat, seitdem sie es verliessen, manchen Zwecken gedient, oft den Besitzer gewechselt, selbst eine Zeitlang zur Herstellung kondensierter Milch gedient (der Betrieb ist 1882 von Cham stillgelegt und aufgehoben worden). Während des ersten Weltkrieges gehörte das Schloss Uttwil dem bahnbrechenden belgischen Meister der Baukunst van de Velde, der sich sogar mit dem Plane getragen hat, im Dorfe eine Kunstschule zu errichten. Seit 1934 ist es in Basler Besitz, was der unauffällig auf der Seeseite angebrachte Baselstab mit der Jahreszahl 1730 andeutet, der sich an dem abgerissenen Bammerthaus am Riehenteich befunden hatte.

Nicht nur die Dölli, die in ihrer Monopolstellung für Salz und Korn mit den Stockalper in Brig verglichen werden könnten, brachten Betrieb nach Uttwil. In seiner schönen Gedenkschrift zum hundertjährigen Bestehen der Dozwiler Sekundarschule flicht Ernst Hänzi über das Aufblühen des Dorfes in jener Zeit einen aufschlussreichen Abschnitt ein. Unter den hier tätigen Handwerkern führt er Eisen- und Kupferschmiede, Weber und einen Gerber an; der Garnhandel war vertreten, ein Goldschmied hatte in Uttwil seine Werkstatt und wahrhaftig: sogar ein Buchladen fand genügend Zuspruch, um bestehen zu können. Bis zu zehn «Segner» seien oft im Hafen vor Anker gelegen. Auch andere Handelsherren bauten sich stattliche Sitze, so einer aus dem alten Dorfgeschlecht Diethelm, der schon in jungen Jahren die «Blumenau» erbaute. Die Kaufleute liessen den Hafen ausbaggern, später liefen Dampfboote hier vom Stapel. Fünf Postkurse trafen in Uttwil zusammen, täglich fuhren Eilwagen nach Konstanz und St.Gallen, der Posthalter hatte den Frauenfeld-Tägerwiler-Kurier abzufertigen.
Die Dampfboote, die noch 1855 von hier ausliefen, mochten den Kaufherren anfänglich dienen. Bald und plötzlich aber machten die Bahnen ihrer Vormachtstellung in der Gütereinfuhr den Garaus. Uttwil, das den Endpunkt der Strecke von Zürich und als grösster Hafen des Thurgaus in Frage gekommen war, musste zugunsten Romanshorns verzichten. Als die letzten Dölli Ende der Siebzigerjahre den Ort verlassen hatten – ihre Töchter findet man noch auf Stammbäumen alter Basler und Zürcher Familien – sank er aus seiner Betriebsamkeit wieder in das beschauliche Dasein eines stillen Fischer- und Bauerndorfes zurück.
Neben den ansehnlichen Bauten, die einst die Kaufherren errichteten, entdeckt man manch bodenständiges Bauern- und Fischerhaus, von denen freilich eine Anzahl ihren schönsten Schmuck, die Riegel, eingebüsst haben. Als Beispiel einer bezeichnenden frühen Bauform könnte jenes Eggmannsche herausgegriffen werden, das, vom Bachtobel aus gesehen, malerisch vorspringend, rechter Hand am ehemaligen Dorfeingang steht; in alten Zeiten, als über das noch unüberbrückte Rinnsal die Landstrasse nach St.Gallen an ihm vorbeiführte, befand sich darin die Post mit Wirtschaft, Bäckerei und Stallungen. Ein wurzelechter Zwergsitz ist die «Wacht», die sich freistehend auf dem kleinen Platz unter der Kirche in unsere Zeit herübergerettet hat. Auswärtige Besucher staunen darüber, dass diese so bescheidene Sehenswürdigkeit nicht, wie ähnliche in andern Gemeinden, Zweckmässigkeitsgründen zum Opfer gefallen ist.